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Veit-Peter Walther: HoroskopeAn dem Tag, es geschah an einem regnerischen Dienstag Vormittag im November vergangenen Jahres, an diesem Tag also, an dem sich Felix während einer gründlichen Nassrasur entschloss, längst überfällig entschloss, seiner Tinta einen Heiratsantrag zu machen, eben an diesem Tag hätte er in seinem Horoskop für Skorpione lesen können, wenn er es denn gelesen hätte: Vorsicht in Herzensangelegenheiten! So hatte er freilich keinen blassen Schimmer von dieser sich anbahnenden, selbst erfüllenden Prophezeiung. Was sich wiederum knapp drei Stunden später als erheblicher Nachteil, ja sogar lebensentscheidend herausstellen sollte. Ahnungslos läutete er mit frohem, gleichzeitig heftig klopfendem Herzen, leider jedoch vergebens an ihrer Wohnungstüre. Felix wunderte sich, legte daraufhin Blumen sowie seine vorbereiteten Worte beiseite, zog sein Handy und ließ es heiß laufen. Zur Zeit nicht erreichbar, nur nach dem PIEP. Ebensowenig bekam er Antwort auf seine SMS. Da erst bemerkte er den roten Zettel auf dem Fußabstreifer, zur Hälfte unter seinen Blumen: „Zu spät, Felix, es ist aus!“ Bedeuten ihr denn vier lange Jahre heftigster Umwerbung wirklich nichts? So mir nichts dir nichts, dachte Felix erschüttert und fiel zurück in seine tief vergrabene Empfindlichkeit. Unter Zurücklassung der elf dunkelroten in Zellophan gehüllten Rosen samt umgebendem Grünzeug verschwand er erst im düsteren Treppenhaus, nur wenige Schritte danach irgendwo im Nebel. Exakt zu dieser Zeit saß Tinta – eine fleischige Brünette – längst in einem blau-grauen Auto älterer Bauart unbekannter Marke eines gewissen Ot, seines Zeichens Vertreter, zur Zeit für Staubsauger mit Wasserstaubfilter und elektronischem Fussel-Sensor, um ihn auf seiner Fahrt nach Norden zu begleiten. Selbiger Ot hatte Tags zuvor gegen 17 Uhr, es dunkelte bereits in Schwabing, da also hatte Ot in einer letzten aufkeimenden Hoffnung auf wenigstens einen einzigen Abschluss dreimal lang, zweimal kurz, zuletzt erneut dreimal lang bei Tinta geklingelt. Dieser Rhythmus! Das hat was. Das überraschte, ja verführte sie zum Öffnen. Tinta musterte erstaunt ihr Gegenüber, sein fadenscheiniges Äußeres, sein schäbiges Jackett mit tief darunter hängenden Schultern, seine billige Hose von der Sorte "hinten straffen, vorne Falten werfen". Sie streifte seinen müden Blick, verfing sich zuletzt in seinen Augen, verlor sich in reinstem Umbra. Völlig gegen ihre Art, forderte sie ihn auf, doch einzutreten, unterstrichen durch eine schwungvolle Handbewegung gepaart mit einem verschleierten Blick. Tinta verspürte heftiges Herzklopfen, das sich aber nicht in ihrer Brust, sondern irgendwo in den Tiefen ihres Bauches meldete. Sie schwebte förmlich voraus in die Küche, stellte wie selbstverständlich die Kaffeemaschine an, nahm Butter, Wurst, Käse aus dem Kühlschrank und fühlte sich wunderbar leicht dabei. Er dagegen verkrampfte, nur einen halben Schritt von der Türe entfernt, wie bereit zur Flucht, stumm und steif an die reichlich beschnitzte Querstrebe einer Stuhllehne geklammert. „Zieh doch die Jacke aus und die nassen Schuhe, den Staubsauger lass eingepackt“, forderte sie ihn auf. Er folgte ihr aufs Wort, sprach aber immer noch keine Silbe. Mit dauerhaftem Schweigen blieb er zum Kaffee, zum Abendessen, zum Dämmerschoppen, auch über Nacht. Es zeigte sich noch das Kissenmuster des kurzen Nachtschlafs auf seiner linken Backe, als er beim Frühstücksei, das er mit der vordersten Löffelspitze aß, plötzlich zaghaft sagte: „Otto. Ursprünglich heiße ich Otto. Man nennt mich nur Ot. Ich fahre nach Norden.“ Tinta strahlte. „Norden? Perfekt! Ot ich komme mit“, schrie sie entschlossen, sprang auf, riss wahllos Klamotten aus dem Schrank und stopfte sie in einen Koffer. Im Widder-Horoskop dieses denkwürdigen Tages stand jungfräulich – also von Tinta ungelesen – Buchstabe für Buchstabe, schwarz auf weiß geschrieben: Pflegen sie Zurückhaltung bei neuen Bekanntschaften! Oktober 2011 | |
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