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Veit-Peter Walther: Love me or leave me

Ich ging aus der Tür und wusste, es würde ein Abschied für immer sein ...

Alles gesagt. Alles getan. Schluss und aus! Was war, das war. Was kommt, das kommt. Das sowieso! Bloß keinen Ballast. Nicht mal das knapp zur Hälfte gelesene Calvino-Buch „Die unsichtbaren Städte“ nehme ich mit. Ein fremder Geruch von Verlassenheit und Tristesse begleitet mich durch das schäbige Treppenhaus. Verabschiedet mich endlose drei Stockwerke abwärts.

Draußen feuchtgrauer Morgen-Empfang. Ich steuere Helgas Stehcafé auf der anderen Straßenseite an. Helga ist etwas zu groß, etwas zu breit geraten. Sie bewegt sich etwas zu wuchtig. Ihre Stimme ist etwas zu laut. Aber Helga tut gut. Ohne zu fragen, macht sie mir wie immer einen Cappuccino mit viel Sahne und Schokokrümel extra oben drauf. Es zischt, dampft und duftet. Irgendwo dazwischen schmalzt Sammy Davis junior: „Love me or leave me“. Helga lächelt selig dazu und zeigt schneeweiße Zähne, von denen sie, wie mir scheint, zu viele hat. Sie knallt die Tasse etwas zu laut auf den Tisch. Ach Helga, wenn du wüsstest, denke ich.

Ich werde nie vergessen, wie sie mal ganz ernst sagte: „Weißt du“, sagte sie, „es gibt Schlimmeres – als einen großen Hintern zu haben.“ Das ist Helga. Strohblonde Wikingerfrau.

Während ich mir die Sahne aus den Mundwinkeln lecke, überlege ich den nächsten Schritt. Beim zweiten Cappuccino bin ich keinen Deut weiter. Ich tunke eine Vortages-Mohnschnecke zum halben Preis stückchenweise in den dritten Cappuccino. Ich ziehe mein Handy. Kein Anruf, keine SMS, nicht mal Junk. Funkstille, totales Nichts! Ich lasse das Adressbuch durchlaufen. Ganz oben steht Gila. Gila steht für Gisela. Na ja, der Name? Deshalb eben Gila. Gila ist das Gegenteil von Helga. Gila ist Klasse!

Gila war in dem Zimmer hinter der Tür, durch die ich ging, dabei alles riskierte, hoffte, sie würde …, gleichzeitig wusste, sie würde keinesfalls …, Gila doch nicht!, … eben dann ganz genau wusste, es würde ein Abschied für immer sein. Sch...ade!

Lange kreisend, ziele ich mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand. Dann lösche ich die Nummern: Gila Home, Gila Office, Gila Family! Aus dem Herzen, aus dem Handy, Punktum. War das der nächste Schritt? Das war er!

Es beginnt zu regnen. Durch das Schaufenster sehe ich Gila. Sie schwebt vorbei, hinreißend im schwingenden, moonroten Mantel, in ihrem unnachahmbaren Salsa-Meisterklasse-Schritt. Mein Herz schlägt drei Cappuccino laut plus Herzschmerz pur. Ich springe auf, stoße Tasse und Stuhl um, renne hinterher. „Warte, Gila so warte doch!“, schreie ich. Beim dritten Mal erst dreht sie sich um. „Meinen sie mich?“, fragt eine wildfremde Frau mit Regentropfen auf der Sonnenbrille. Ohne meine Antwort abzuwarten, entschwindet sie ums Eck.

Illusion oder Erkenntnis? Biegt hier mein Leben um die Ecke?, denke ich, wird es hier entschieden? Welchen Weg wird es nehmen?

„Entschuldigung“, sage ich tonlos ins Leere. Ich gehe zurück. Helga hat aufgeräumt. Fragt nichts. Sagt nichts. Sammy Davis junior schmalzt immer noch: „Love me or leave me“. Vielleicht schon wieder, vermutlich endlos, fürchte ich. Helga lächelt ihr seliges Lächeln, hält mir ein Glas stilles Wasser hin. Erstaunlich ruhig. Erstaunlich sanft. Genau passend! Helga tut gut!

Oktober 2011

 
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