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Veit-Peter Walther: Max

Max war ein ziemlich normaler Mann. So einer von nebenan. Einer, den man leicht übersieht.

Eines Tages begann Max mit der Kunst. Anfangs malte er kleine bunte Bildchen. Die Bildchen erfreuten ihn, zufrieden war er freilich nicht so richtig. Nach und nach wagte er sich an größere Formate, wechselte die Farbpalette, stellte sich schwierigere Themen. Die Ergebnisse, durchaus Gemälde zu nennen, sah er als Fortschritt, sogar als Durchbruch. So beschloss er, seine Werke, im Laufe der Zeit waren doch einige zusammen gekommen, in einer Ausstellung zu zeigen.

Die wenigen Besucher gingen stumm im Raum umher und schnell wieder hinaus. Mit Max sprach niemand. Keine Frage, kein einziges Wort. Doch: Eine ältliche Dame erkundigte sich, ob man hier auch auf die Toilette gehen könne. Mit diesen Erfahrungen fiel Max zurück in das Grau des Alltags. Er grübelte und grübelte, suchte nach dem Sinn der Dinge, insbesondere dem der Malerei der Gegenwart.

Max wurde fündig. Kühn übermalte er alles mit schwungvoller Pinselführung in Schwarz und als Verneigung vor dem herbstlichen Damen-Mode-Trend quergestreift in Lila und Türkis. Dies alles wild verwegen, sogar ein wenig frivol. Er zeigte schon mal einen abstrakten Busen oder feisten Hintern. Nichts blieb wie es war. Er kehrte das Innerste nach außen. In seiner Seele und auf den Leinwänden.

Erneut stellte er aus. Keine Ausstellung, eine Retrospektive pries er an, natürlich nicht mehr im Hinterzimmer vom Huber-Bräu, nein, im Glaspavillon des Kulturzentrums. Zur Vernissage trat er souverän als wirklicher Künstler auf. Dazu wählte er einen bodenlangen schwarzen Ledermantel, eine grüne Schlabberhose, einen blutroten Schal, eine riesige Baskenmütze, dazu eine schrille Brille nebst hässlichen Turnschuhen ohne Schnürsenkel, aber mit dicker Plateau-Sohle. Max nannte sich Mäc Mäx und verkündete vollmundig belangloses Vernissagen-Geschwafel.

Diesmal übersahen ihn die zahlreichen Besucher nicht, darunter sogar die Spitzen der örtlichen Gesellschaft. Er stand im Mittelpunkt. Man flüsterte:

„Dort steht der Künstler. Der da mit der Baskenmütze. Was für ein Typ. Und erst die Bilder. Wegweisend! Atemberaubend!“

Jedermann versuchte, Mäc Mäxens Blick zu erhaschen, in seinen Dunstkreis einzutauchen, mit ihm ein Wort über dies und das oder jenes zu wechseln, wenigstens per Distanz einen seiner Wortfetzen aufzuschnappen, andächtig nachzuplappern und vielsagend dazu zu nicken.

Alle Exponate wurden im Nu verkauft. Kaum erworben, verschacherten Spekulanten sie im Vorraum mit enormem Zugewinn. Die Preise der Kunstwerke, zum Teil noch an den Wänden hängend, stiegen in ungeahnte Höhen.

Eine Stimmung wie beim Börsencrash. Tumult brach aus, dem Chaos entsprangen sogar Schlägereien, Ohnmachtsanfälle, dazu ein Stromausfall. Ordnungskräfte mussten einschreiten, die Ausstellung schließen.

Das kann es doch auch nicht sein. Das wollte ich nicht, das ist ja nicht auszuhalten, dachte Mäc Mäx.

In der Garderobe warf er die Verkleidung in eine Ecke und stieg erleichtert in seine ausgebeulte Cordhose und den Pulli vom Tschibo-Versand. Er fühlte sich ausgesprochen wohl dabei. So wurde er wieder zu dem Max, der er noch vor kurzem war. So einer von nebenan. Einer, den man leicht übersieht …

Max nutzte die Gunst der Verwirrung und Gnade der Dunkelheit. Er verzog sich unerkannt durch den Hinterausgang.

 

Juni 2011

 
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